Biokompatibilitätsprüfung

1. Grundbegriffe

Biokompatibilität: Nach ISO 10993-1 die Fähigkeit eines Werkstoffs für Medizinprodukte, in einer bestimmten Anwendung mit einer angemessenen Reaktion des Wirtsorganismus zu funktionieren – d. h. das Produkt erfüllt seine Zweckbestimmung, ohne beim Empfänger unannehmbare lokale oder systemische Nebenwirkungen hervorzurufen.

Biologische Beurteilung: ein systematischer Ansatz zur Bewertung der biologischen Risiken, die beim Kontakt eines Medizinprodukts mit dem menschlichen Körper entstehen können, um die Produktsicherheit zu gewährleisten.

Kernziele:

  • Bewertung der Sicherheit von Werkstoffen mit Körperkontakt

  • Erkennung möglicher biologischer Risiken (Toxizität, Sensibilisierung, Kanzerogenität usw.)

  • Bereitstellung der biologischen Grundlage für die Produktzulassung

  • Erfüllung weltweiter regulatorischer Anforderungen

Wichtige Veränderung: Die moderne biologische Beurteilung hat sich von „alle Prüfungen durchführen“ zu einem integrierten Ansatz aus „Risikobewertung + chemischer Charakterisierung + notwendigen Prüfungen“ entwickelt.


2. Wichtige Vorschriften und Normen

Normenreihe ISO 10993 (international)

Norm Inhalt
ISO 10993-1:2018 Rahmen für Beurteilung und Prüfung (übergreifend, Kernnorm)
ISO 10993-2 Tierschutzbestimmungen
ISO 10993-3:2014 Prüfungen auf Genotoxizität, Kanzerogenität und Reproduktionstoxizität
ISO 10993-4:2017 Auswahl von Prüfungen zur Wechselwirkung mit Blut
ISO 10993-5:2009 Prüfungen auf In-vitro-Zytotoxizität
ISO 10993-6:2016 Prüfungen auf lokale Effekte nach Implantation
ISO 10993-7:2008+A1:2019 Ethylenoxid-Sterilisationsrückstände
ISO 10993-9:2019 Rahmen für die Identifizierung und Quantifizierung von Abbauprodukten
ISO 10993-10:2021 Prüfungen auf Hautsensibilisierung (Irritation in Teil 23 verschoben)
ISO 10993-11:2017 Prüfungen auf systemische Toxizität
ISO 10993-12:2021 Probenvorbereitung und Referenzmaterialien
ISO 10993-13:2010 Abbauprodukte aus polymeren Medizinprodukten
ISO 10993-14:2001 Abbauprodukte aus Keramik
ISO 10993-15:2019 Abbauprodukte aus Metallen und Legierungen
ISO 10993-16:2017 Studiendesign zur Toxikokinetik von Abbauprodukten und herauslösbaren Substanzen
ISO 10993-17:2023 Toxikologische Risikobewertung von Bestandteilen von Medizinprodukten
ISO 10993-18:2020+A1:2022 Chemische Charakterisierung
ISO 10993-22:2017 Nanomaterialien
ISO 10993-23:2021 Prüfungen auf Irritation (aus Teil 10 ausgegliedert)

FDA

Dokument Inhalt
FDA-Leitfaden (2020) „Use of International Standard ISO 10993-1, Biological evaluation of medical devices“ (Anwendung der ISO 10993-1 zur biologischen Beurteilung von Medizinprodukten)
FDA-Leitfadenentwurf (2021) Chemische Analytik für die Biokompatibilitätsbewertung

China

Norm Inhalt
Normenreihe GB/T 16886 Identische Übernahme der Normenreihe ISO 10993
Leitlinien zur biologischen Beurteilung und Prüfung von Medizinprodukten Technische Leitlinie der NMPA

Europäische Union

  • MDR (EU) 2017/745 betont eine biologische Beurteilung über den gesamten Lebenszyklus


3. Wichtige Begriffe

Begriff Bedeutung
Art des Kontakts Oberflächenkontakt / von außen mit dem Körper in Verbindung stehend / Implantat
Kontaktdauer Begrenzt (≤24 h), länger (>24 h bis 30 d), dauerhaft (>30 d)
Kontaktort Haut, Schleimhaut, verletzte Oberflächen, Blut, Knochen/Gewebe, Kreislaufsystem usw.
Biologische Endpunkte Konkrete Bewertungspunkte wie Zytotoxizität, Sensibilisierung, Irritation und systemische Toxizität
Biologischer Beurteilungsplan (BEP) Biological Evaluation Plan (biologischer Beurteilungsplan)
Biologischer Beurteilungsbericht (BER) Biological Evaluation Report (biologischer Beurteilungsbericht)
Chemische Charakterisierung Identifizierung der Materialzusammensetzung und freigesetzter Stoffe
Toxikologische Risikobewertung (TRA) Toxicological Risk Assessment (toxikologische Risikobewertung)

4. Kategorisierung von Medizinprodukten (ISO 10993-1)

Die Endpunkte der biologischen Beurteilung richten sich nach Art des Kontakts + Kontaktdauerdes Produkts.

Nach Art des Kontakts

Kategorie Unterkategorie Beispiele
Produkte mit Oberflächenkontakt Intakte Haut Stethoskope, EKG-Elektroden
Schleimhäute Kontaktlinsen, Endoskope
Verletzte/geschädigte Oberflächen Wundauflagen, Verbrennungsverbände
Von außen mit dem Körper in Verbindung stehende Produkte Indirekter Blutweg Infusionsbestecke, Blutentnahmesets
Gewebe/Knochen/Dentin Zahnfüllungen, Knochenzement
Zirkulierendes Blut Hämodialysatoren, intravaskuläre Katheter
Implantate Gewebe/Knochen Knochenschrauben, künstliche Gelenke, Nahtmaterial
Blut Herzschrittmacher, künstliche Herzklappen

Nach Kontaktdauer

Dauer Bereich
A (begrenzt) ≤24 Stunden
B (länger) >24 Stunden bis 30 Tage
C (dauerhaft) >30 Tage

5. Beurteilungsmatrix nach ISO 10993-1 (Ausgabe 2018)

Die folgende Tabelle ist eine vereinfachte Matrix der biologischen Endpunkte; in der Praxis werden die Prüfungen anhand dieser Tabelle festgelegt:

Produkte mit Oberflächenkontakt

Kontaktort Kontaktdauer Zytotoxizität Sensibilisierung Irritation Akute systemische Toxizität Subakute/subchronische Toxizität Genotoxizität Implantation Chronische Toxizität Kanzerogenität Reproduktionstoxizität Abbau Hämokompatibilität
Intakte Haut A/B/C ● ● ●
Schleimhaut A ● ● ●
Schleimhaut B/C ● ● ● ○ ○ ○
Verletzte Oberfläche A/B/C ● ● ● ○ ○ ○

Von außen mit dem Körper in Verbindung stehende Produkte

Kontaktort Kontaktdauer Zytotoxizität Sensibilisierung Irritation Akute systemische Toxizität Subakute/subchronische Toxizität Genotoxizität Implantation Chronische Toxizität Kanzerogenität Reproduktionstoxizität Abbau Hämokompatibilität
Indirekter Blutweg A ● ● ● ● ●
Indirekter Blutweg B/C ● ● ● ● ● ● ○ ○ ●
Gewebe/Knochen B/C ● ● ● ● ● ● ● ○ ○ ○
Zirkulierendes Blut A ● ● ● ● ○ ●
Zirkulierendes Blut B/C ● ● ● ● ● ● ● ● ● ●

Implantate

Kontaktort Kontaktdauer Zytotoxizität Sensibilisierung Irritation Akute systemische Toxizität Subakute/subchronische Toxizität Genotoxizität Implantation Chronische Toxizität Kanzerogenität Reproduktionstoxizität Abbau Hämokompatibilität
Gewebe/Knochen A ● ● ● ● ●
Gewebe/Knochen B/C ● ● ● ● ● ● ● ● ● ○
Blut A ● ● ● ● ○ ● ●
Blut B/C ● ● ● ● ● ● ● ● ● ●

● = in der Regel zu bewerten; ○ = im Einzelfall zu bewerten
Für konkrete Projekte ist die vollständige Matrix der ISO 10993-1 heranzuziehen


6. Wichtige biologische Endpunkte im Detail

1. Zytotoxizität – ISO 10993-5

Zweck: Bewertung der Toxizität von Werkstoffen gegenüber Zellen in vitro. Gängige Methoden:

  • MTT-Test: misst die Stoffwechselaktivität der Zellen (am häufigsten)

  • XTT- und MTS-Test: ähnlich dem MTT-Test

  • Neutralrot-Aufnahmetest

  • Koloniebildungstest

Prüfansätze:

  • Extraktmethode: Behandlung der Zellen mit einem Extrakt

  • Direktkontaktmethode: Werkstoff in direktem Kontakt mit den Zellen

  • Indirekte Kontaktmethode: Agar-Overlay

Akzeptanzkriterien:

  • Zellviabilität ≥70%: nicht zytotoxisch

  • 50–70 %: gering

  • 30–50 %: mäßig

2. Sensibilisierung – ISO 10993-10

Zweck: Bewertung, ob der Werkstoff eine Überempfindlichkeitsreaktion vom verzögerten Typ auslöst. Gängige Methoden:

  • Maximierungstest am Meerschweinchen (GPMT): die klassische Methode

  • Buehler-Test: geschlossener Epikutantest

  • Lokaler Lymphknotentest an der Maus (LLNA): tierschutzfreundlicher, wird bevorzugt

Bewertung: Sensibilisierungsrate, Bewertung der Hautreaktionen

3. Irritation und intrakutane Reaktivität – ISO 10993-23

Zweck: Bewertung der Reizung von Haut, Schleimhaut, Augen usw. Gängige Methoden:

  • Intrakutantest am Kaninchen: die klassische Methode

  • Hautirritationstest

  • Augenirritationstest

  • Irritationstests an Mund-, Vaginal- und Rektalschleimhaut

  • Rekonstruiertes humanes Epidermismodell (RhE): eine In-vitro-Alternative (zunehmend akzeptiert)

4. Akute systemische Toxizität – ISO 10993-11

Zweck: toxische Wirkungen innerhalb von 24–72 Stunden nach einmaliger Exposition. Methode: Verabreichung von Extrakten an Mäuse/Ratten intravenös, intraperitoneal, oral oder subkutan. Beobachtungen: klinische Symptome, Körpergewicht, Mortalität

5. Subakute/subchronische/chronische Toxizität – ISO 10993-11

Typ Kontaktdauer
Subakut 14–28 Tage
Subchronisch 90 Tage
Chronisch ≥6 Monate

Beobachtungen: Körpergewicht, Hämatologie, klinische Chemie, Urinanalyse, Histopathologie

6. Genotoxizität – ISO 10993-3

Zweck: Bewertung von DNA-Schäden und Genmutationen. Übliche Testbatterie (drei Prüfungen):

  • Ames-Test (bakterieller Rückmutationstest): Genmutationen

  • Chromosomenaberrationstest oder Mikrokerntest: Chromosomenschäden

  • Maus-Lymphom-Test oder In-vivo-Mikrokerntest: In-vivo-Bestätigung

7. Implantation – ISO 10993-6

Zweck: Bewertung lokaler Gewebereaktionen nach der Implantation. Implantationsorte: subkutan, Muskel, Knochen. Zeitpunkte: 1, 4, 12, 26, 52 Wochen usw. Bewertung: Entzündung, fibröse Einkapselung, Nekrose, Vaskularisierung, Bewertung der Gewebereaktion

8. Hämokompatibilität – ISO 10993-4

Zweck: Bewertung der Reaktionen beim Kontakt des Werkstoffs mit Blut. Bewertungskategorien:

  • Hämolyse (routinemäßig erforderlich)

  • Gerinnung (PT, APTT, TT)

  • Thrombozyten (Anzahl, Aktivierung, Aggregation)

  • Hämatologie (Blutbild)

  • Komplementsystem (C3a, C5a, SC5b-9)

Hinweis: Ein Hämolysetest ist für nahezu alle Produkte mit Blutkontakt erforderlich.

9. Kanzerogenität – ISO 10993-3

Zweck: Bewertung, ob eine Langzeitexposition Krebs verursacht. Dauer: ≥2 Jahre (lebenslang). Alternative: Verzicht möglich, wenn die chemische Zusammensetzung des Werkstoffs gut bekannt ist und ausreichende toxikologische Daten vorliegen

10. Reproduktions- und Entwicklungstoxizität – ISO 10993-3

Zweck: Bewertung der Auswirkungen auf das Fortpflanzungssystem, die Embryonalentwicklung und die Nachkommen. Anwendbar auf: Produkte, die mit Fortpflanzungsorganen, Schwangeren oder Neugeborenen in Kontakt kommen können

11. Abbauprodukte – ISO 10993-9/13/14/15

Zweck: Bewertung der Abbauprodukte von Werkstoffen und ihrer Toxizität. Kategorien:

  • Polymere (Teil 13): Hydrolyse- und Oxidationsprodukte

  • Keramik (Teil 14): Ionenfreisetzung

  • Metalle (Teil 15): Freisetzung von Metallionen

  • Bioresorbierbare Werkstoffe: besondere Aufmerksamkeit

12. Chemische Charakterisierung – ISO 10993-18

Siehe unsere Seite Chemische Charakterisierung – der zentrale Input der modernen biologischen Beurteilung.


7. Ablauf der biologischen Beurteilung (ISO 10993-1)

1. Erhebung der Produktinformationen (Werkstoffe, Prozesse, Sterilisation, klinische Anwendung) ↓ 2. Risikomanagement (ISO 14971) ↓ 3. Chemische Charakterisierung (ISO 10993-18) + Literaturrecherche ↓ 4. Biologischer Beurteilungsplan (BEP) ↓ 5. Gap-Analyse: Reichen die vorhandenen Daten aus? ↓ ┌────┴────┐ ↓ ↓ Daten ausreichend Daten unzureichend ↓ ↓ │ Notwendige biologische Prüfungen durchführen ↓ ↓ └────┬────┘ ↓ 6. Toxikologische Risikobewertung (ISO 10993-17) ↓ 7. Biologischer Beurteilungsbericht (BER) ↓ 8. Fortlaufende Beurteilung (Lebenszyklus)

8. Der moderne Ansatz der biologischen Beurteilung

Klassischer vs. moderner Ansatz

Kriterium Klassischer Ansatz Moderner Ansatz (ab Ausgabe 2018)
Ausgangspunkt Alle Prüfungen der Matrix durchführen Auf Basis einer Risikobewertung
Chemische Informationen Nachrangig Zentraler Input
Tierversuche Umfangreich Minimiert (3R-Prinzip)
Nutzung von Literatur Begrenzt Vorhandene Daten umfassend nutzen
Bewertungstiefe Von Prüfergebnissen getrieben Risikogetrieben

Reduzierung von Tierversuchen (3R-Prinzip)

  • Replacement (Vermeidung): In-vitro-Prüfungen, In-silico-Modelle

  • Reduction (Verringerung): optimiertes Studiendesign, weniger Tiere

  • Refinement (Verbesserung): verbessertes Tierwohl


9. Probenvorbereitung (ISO 10993-12)

Extraktionsbedingungen

Kontaktdauer Empfohlene Extraktionsbedingungen
≤24 Stunden 37 ±1 °C, 72 h oder 50 ±2 °C, 72 h
24 h bis 30 d 37 ±1 °C, 72 h oder 70 ±2 °C, 24 h
>30 d 37 ±1 °C, 72 h oder 50 ±2 °C, 72 h
Verschärft 121 °C, 1 Stunde (nur hitzebeständige Werkstoffe)

Extraktionsmittel

  • Polar: Kochsalzlösung, Zellkulturmedium, Wasser für Injektionszwecke

  • Unpolar: Pflanzenöl, Polyethylenglykol

  • Bei Bedarf: Ethanol/Wasser, DMSO

Extraktionsverhältnis (Oberfläche/Volumen)

Materialdicke/-form Verhältnis
Dicke <0,5 mm 6 cm²/mL
Dicke 0,5–1 mm 3 cm²/mL
Dicke >1 mm 3 cm²/mL oder 6 cm²/mL
Unregelmäßig/granulär 0.2 g/mL

10. Typische Beurteilungsendpunkte für verschiedene Produkte

Produktart Typische Endpunkte
Pflaster/Wundauflagen Zytotoxizität, Sensibilisierung, Irritation
Kontaktlinsen Zytotoxizität, Sensibilisierung, Augenirritation
Infusionsbestecke Zytotoxizität, Sensibilisierung, Irritation, akute systemische Toxizität, Hämolyse
Intravenöse Katheter (kurzzeitig) Zytotoxizität, Sensibilisierung, Irritation, akute systemische Toxizität, Hämolyse, chemische Charakterisierung
Koronarstents Vollständiges Programm (bis auf wenige Sonderpunkte)
Künstliche Gelenke Zytotoxizität, Sensibilisierung, Irritation, systemische Toxizität, Genotoxizität, Implantation, Abbau, chemische Charakterisierung
Knochenzement Zytotoxizität, Sensibilisierung, Irritation, akute systemische Toxizität, Implantation, Abbau
Chirurgische Instrumente (wiederverwendbar) Zytotoxizität, Sensibilisierung, Irritation
Zahnimplantate Zytotoxizität, Sensibilisierung, Irritation, Implantation, Genotoxizität, Abbau

11. Einflussfaktoren auf die biologische Beurteilung

1. Werkstofffaktoren

  • Chemische Zusammensetzung, Additive

  • Oberflächenzustand (Beschichtungen, Rauheit)

  • Physikalische Form (Folie, Granulat, Fasern)

2. Prozessfaktoren

  • Rückstände von Prozesshilfsstoffen (Trennmittel, Schmierstoffe)

  • Reinigungsprozesse

  • Sterilisationsverfahren (EO, Bestrahlung, feuchte Hitze)

  • Sterilisationsrückstände (EO, ECH)

3. Klinische Faktoren

  • Kontaktort

  • Kontaktdauer und -häufigkeit

  • Patientengruppe (Kinder, Schwangere, Immungeschwächte)

  • Kumulative Exposition

4. Verpackungsfaktoren

  • Leachables aus Verpackungsmaterialien

  • Einfluss der Lagerbedingungen auf die Werkstoffe


12. Häufige Herausforderungen und Fallstricke

1. Missverständnis der Matrix

  • Fehleinschätzung von Art oder Dauer des Kontakts, wodurch Endpunkte fehlen oder überflüssig sind

2. Unsachgemäße Probenvorbereitung

  • Keine Berücksichtigung der realen Verarbeitung (nach Sterilisation, Reinigung)

  • Wissenschaftlich nicht begründete Extraktionsbedingungen

3. Unzureichende chemische Charakterisierung

  • TOC allein ersetzt keine vollständige chemische Charakterisierung

  • Fehlerhafte AET-Berechnung

4. Schwache Literaturrecherche

  • Daten vermarkteter gleichwertiger Produkte werden nicht ausreichend genutzt

  • Unzureichende Begründung der chemischen Gleichwertigkeit

5. Fehlinterpretation von Prüfergebnissen

  • Bei geringer Zytotoxizität sofort aufgeben

  • Den klinischen Gesamtkontext nicht berücksichtigen

6. Fehlendes Änderungsmanagement

  • Änderungen von Werkstoffen, Prozessen oder Lieferanten werden nicht neu bewertet

7. Regulatorische Unterschiede

  • FDA und NMPA stellen an einzelne Prüfungen unterschiedliche Anforderungen

  • Die EU-MDR ist bei der Überwachung nach dem Inverkehrbringen strenger


13. Regulatorische Aspekte

FDA

  • Akzeptiert ISO 10993-1 als Hauptgrundlage

  • Betont chemische Charakterisierung + toxikologische Bewertung zur Reduzierung von Tierversuchen

  • Fordert vollständige BEP/BER-Unterlagen

  • Fordert in manchen Fällen die chemische Charakterisierung als Nachweis der Gleichwertigkeit der Biokompatibilität

EU-MDR

  • Strenge Beurteilung über den gesamten Lebenszyklus

  • Fortlaufende Anforderungen an die Überwachung nach dem Inverkehrbringen

  • Schwerpunkt auf der Verzahnung von Risikomanagement und klinischer Bewertung

NMPA (China)

  • Identische Übernahme der Normenreihe ISO 10993 (GB/T 16886)

  • Akzeptiert den Vergleich mit gleichwertigen Produkten , um auf einzelne Prüfungen zu verzichten

  • Strengere Anforderungen an neuartige Werkstoffe

  • Schwerpunkt auf klassischen Tierversuchsdaten (im Wandel)

Internationale Trends

  • Weltweite Anwendung des 3R-Prinzips

  • Chemische Charakterisierung + TRA werden zum Standard

  • In-vitro-Alternativen werden zunehmend akzeptiert (z. B. RhE-Modelle)


14. Wesentliche Inhalte eines biologischen Beurteilungsberichts (BER)

  1. Produktinformationen: Bezeichnung, Zweckbestimmung, Zusammensetzung, klinische Anwendung

  2. Werkstoffinformationen: Rezeptur, Lieferanten, Verarbeitung

  3. Kontaktkategorie: Art, Dauer und Ort des Kontakts

  4. Input aus dem Risikomanagement: identifizierte biologische Risiken

  5. Ergebnisse der chemischen Charakterisierung

  6. Auswertung vorhandener Daten: Literatur, gleichwertige Produkte, historische Daten

  7. Gap-Analyse: Festlegung, welche Prüfungen ergänzt werden müssen

  8. Zusammenfassung der Prüfberichte: Methode, Ergebnisse und Schlussfolgerung jeder Prüfung

  9. Toxikologische Risikobewertung (TRA)

  10. Gesamtbewertung und Schlussfolgerung: ob das Risiko akzeptabel ist

  11. Überwachungsplan über den Lebenszyklus


15. Typische Projektdauer und Kosten

Dauer einer vollständigen Biokompatibilitätsbewertung

Endpunkt Dauer
Zytotoxizität 2–4 Wochen
Sensibilisierung (GPMT/LLNA) 6–8 Wochen
Irritation (intrakutan/Haut) 2–4 Wochen
Akute systemische Toxizität 4–6 Wochen
Subakute/subchronische Toxizität 4–6 Monate
Genotoxizität (Dreier-Testbatterie) 2–4 Monate
Implantation Je nach Dauer 3–12 Monate
Chronische Toxizität/Kanzerogenität 1–2 Jahre
Chemische Charakterisierung + TRA 2–4 Monate

Kostenrahmen

  • Basispaket (Zytotoxizität + Sensibilisierung + Irritation): Zehntausende RMB

  • Mittleres Paket (inkl. systemischer Toxizität, Implantation): von über hunderttausend bis mehreren hunderttausend RMB

  • Vollständiges Paket (Hochrisiko-Implantate): von mehreren hunderttausend bis zu einer Million RMB

  • Chemische Charakterisierung + TRA: von Zehntausenden bis Hunderttausenden RMB


16. Empfehlungen und Best Practices

1. Frühzeitig planen

  • Die biologische Beurteilung bereits früh in der Produktentwicklung planen

  • Biokompatibilität schon bei der Werkstoffauswahl berücksichtigen

2. Chemische Charakterisierung priorisieren

  • Chemische Daten können das Design weiterer Prüfungen steuern

  • Kann zahlreiche Tierversuche überflüssig machen

3. Historische Daten umfassend nutzen

  • Vergleiche mit gleichwertigen Produkten, Literaturrecherchen, Lieferantendaten

  • Die Anwendbarkeit der Daten begründen

4. Auswahl eines Drittlabors

  • GLP-qualifizierte Labore wählen

  • China: CMA-, CNAS-Akkreditierung

  • International: FDA-GLP, OECD-GLP

5. Lebenszyklusperspektive

  • Nicht nur eine einmalige Bewertung bei der Zulassung

  • Fortlaufend bei Änderungen und in der Überwachung nach dem Inverkehrbringen

6. Interdisziplinäre Zusammenarbeit

  • Zusammenarbeit von Werkstoffkunde, Toxikologie, Klinik und Regulatory Affairs

  • Bei Bedarf Toxikologen hinzuziehen

7. Vollständige Dokumentation

  • BEP/BER anhand strukturierter Vorlagen erstellen

  • Rückverfolgbare Daten und gut begründete Entscheidungen


17. Neue Trends

1. Mikrophysiologische Systeme (Organ-on-Chip)

  • Simulation von Organfunktionen in vitro mit dem Potenzial, Tierversuche zu ersetzen

2. Computertoxikologie (in silico)

  • Vorhersage der Toxizität mit QSAR- und PBPK-Modellen

3. Hochdurchsatz-Screening

  • Schnelles frühes Screening von Werkstoffen

4. Digitale Zwillinge

  • Simulation des Langzeitverhaltens von Produkten im Körper

5. Bewertung von Nanomaterialien

  • Die neue ISO 10993-22 behandelt Nanomaterialien gesondert

6. 3D-gedruckte/patientenspezifische Produkte

  • Die Prozessvielfalt bringt neue Herausforderungen

7. Bioresorbierbare Werkstoffe

  • Dynamische Bewertung des Abbauprozesses


18. Zusammenhang zwischen Biokompatibilität und anderen Prüfungen

Werkstoffauswahl → chemische Charakterisierung → Biokompatibilitätsbewertung ↓ ↓ Toxikologische Bewertung Klinische Bewertung ↓ ↓ Risikomanagement ←——————————┘ ↓ Zulassungsantrag + Überwachung nach dem Inverkehrbringen
  • Mit der chemischen Charakterisierung: gegenseitiger Input; chemische Daten steuern die biologische Beurteilung

  • Mit der Sterilbarriere: das Sterilisationsverfahren beeinflusst die Biokompatibilität

  • Mit Alterungsprüfungen: Werkstoffabbau nach der Alterung kann die Biokompatibilität beeinflussen

  • Mit der klinischen Bewertung: biologische Daten stützen die klinische Sicherheit

  • Mit dem Risikomanagement: das biologische Risiko ist Teil des Gesamtrisikos

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