Gebrauchstauglichkeitsprüfung

Gebrauchstauglichkeitsprüfung

Einführung in die Gebrauchstauglichkeitsprüfung von Medizinprodukten

1. Grundbegriffe

Gebrauchstauglichkeit: Nach IEC 62366-1 die Eigenschaft der Benutzer-Produkt-Schnittstelle, die die Anwendung erleichtert und dadurch Effektivität, Effizienz und Zufriedenheit der Benutzer herstellt.

Usability Engineering (UE) / Human Factors Engineering (HFE): ein systematischer Ansatz zur Anwendung von Gebrauchstauglichkeitsprinzipien in der Entwicklung von Medizinprodukten mit dem Ziel, durch Anwendungsfehler verursachte Risiken zu reduzieren, indem die Interaktion zwischen Benutzer und Produkt optimiert wird.

Kernziel: sicherzustellen, dass das Medizinprodukt bei Bedienung durch die vorgesehenen Benutzer in der vorgesehenen Anwendungsumgebung sicher und wirksam ist und das Risiko von Anwendungsfehlern akzeptabel bleibt.


2. Wichtige Vorschriften und Normen

Norm/Leitfaden Inhalt
IEC 62366-1:2015 + A1:2020 Anwendung der Gebrauchstauglichkeit auf Medizinprodukte (international)
IEC/TR 62366-2:2016 Leitfaden zur Anwendung der Gebrauchstauglichkeit (technischer Bericht)
FDA HFE Guidance (2016) Applying Human Factors and Usability Engineering to Medical Devices
FDA Draft Guidance (2022) Entwurf eines Leitfadens zu Inhalt und Format von Human-Factors-Informationen in 510(k)-Einreichungen
ANSI/AAMI HE75 Ausführlicher Leitfaden zum Human Factors Engineering in der Entwicklung von Medizinprodukten
YY/T 1474 Chinesische Entsprechung (identische Übernahme der IEC 62366-1)
MDR (EU) 2017/745 Anforderungen der EU-Medizinprodukteverordnung an die Gebrauchstauglichkeit

3. Wichtige Begriffe

Begriff Bedeutung
Vorgesehener Benutzer Ärzte, Pflegekräfte, Patienten, betreuende Personen usw.
Anwendungsumgebung OP, Intensivstation, häusliches Umfeld, Notfallort usw.
Anwendungsszenario Beschreibung der konkreten Situation, in der der Benutzer eine Aufgabe ausführt
Kritische Aufgabe Eine Aufgabe, deren fehlerhafte Ausführung zu schweren Schäden führen kann
Anwendungsfehler Eine Benutzerhandlung, die zu einem anderen als dem beabsichtigten Ergebnis führt
Anwendungsbezogenes Risiko Risiko im Zusammenhang mit der Benutzerinteraktion
Benutzer-Produkt-Schnittstelle (UI) Umfasst Hardware, Software, Kennzeichnung, Gebrauchsanweisung, Schulungsunterlagen usw.

4. Usability-Engineering-Prozess (IEC 62366-1)

1. Anwendungsspezifikation erstellen
↓
2. Gefährdungen und Gefährdungssituationen im Zusammenhang mit der Benutzerschnittstelle ermitteln
↓
3. Kritische Aufgaben ermitteln
↓
4. Spezifikation der Benutzerschnittstelle erstellen
↓
5. Bewertungsplan für die Benutzerschnittstelle erstellen
↓
6. Design, Umsetzung und formative Bewertung der Benutzerschnittstelle
↓
7. Summative Bewertung
↓
8. Gebrauchstauglichkeitsakte (UEF) zusammenstellen

5. Zwei zentrale Bewertungsarten

1. Formative Bewertung

  • Zeitpunkt: frühe und mittlere Phase der Produktentwicklung; mehrere Runden möglich

  • Ziel: Designschwächen finden und iterativ verbessern

  • Stichprobengröße: 5–8 Teilnehmende pro Benutzergruppe (findet über 80 % der Gebrauchstauglichkeitsprobleme)

  • Methoden: Cognitive Walkthrough, heuristische Evaluation, Usability-Tests, Expertenreview

  • Verwendung der Ergebnisse: Input für die nächste Designiteration; nicht für die abschließende Validierung

2. Summative Bewertung

  • Zeitpunkt: nach dem Design Freeze und vor der Markteinführung

  • Ziel: Validierung, dass das Design der Benutzerschnittstelle die anwendungsbezogenen Risiken angemessen beherrscht

  • Stichprobengröße: mindestens 15 Teilnehmende pro Benutzergruppe (FDA-Anforderung)

  • Methode: Prüfung unter simulierten Anwendungsbedingungen

  • Anforderungen:

    • Durchführung in einer repräsentativen Anwendungsumgebung

    • Verwendung des finalen oder serienäquivalenten Produkts

    • Alle kritischen Aufgaben müssen abgedeckt sein

    • Anschließende Ursacheninterviews (zur Analyse der Ursachen von Anwendungsfehlern)


6. Benutzergruppen

Unterschiedliche Benutzergruppen müssen getrennt geprüft werden. Übliche Einteilungen:

Einteilungskriterium Beispiele
Beruf Ärzte, Pflegekräfte, Techniker, Patienten, Angehörige
Erfahrung Neulinge, erfahrene Benutzer
Anwendungsumgebung Professioneller Einsatz im Krankenhaus, Heimanwendung
Körperliche Merkmale Benutzer mit eingeschränktem Seh- oder Hörvermögen oder eingeschränkter Feinmotorik

Ein Blutzuckermessgerät für die Heimanwendung kann beispielsweise zwei Gruppen betreffen – Patienten + betreuende Personen –, die jeweils ≥15 Teilnehmende erfordern.


7. Ermittlung kritischer Aufgaben

Kritische Aufgaben sind der Kern der Gebrauchstauglichkeitsprüfung und werden ermittelt anhand von:

  1. Risikoanalyse (ISO 14971): Aufgaben, bei denen Anwendungsfehler schwere Schäden verursachen können

  2. Historischen Daten: Vorkommnisse, Rückrufe und Beschwerden zu vergleichbaren Produkten

  3. Aufgabenanalyse: Zerlegung des Bedienablaufs des Benutzers

Typische Beispiele für kritische Aufgaben:

  • Infusionspumpe: Einstellen der richtigen Dosis und Rate

  • Defibrillator: Wahl der richtigen Energie und Abgabe des Schocks

  • Insulinpen: Einsetzen der Patrone, Einstellen der Dosis, Injektion

  • Blutzuckermessgerät: Blutentnahme, Ablesen der Ergebnisse, Erkennen auffälliger Werte


8. Prüfmethoden und Datenerhebung

Übliche Methoden

Methode Phase Beschreibung
Prüfung unter simulierten Anwendungsbedingungen Formativ/summativ Bearbeitung der Aufgaben in einer simulierten Umgebung
Cognitive Walkthrough Formativ Experten analysieren schrittweise die Denkweise des Benutzers
Heuristische Evaluation Formativ Überprüfung der Schnittstelle anhand von Gebrauchstauglichkeitsprinzipien
Interviews/Fragebögen Durchgängig Erfassung subjektiver Rückmeldungen
Beobachtung Durchgängig Aufzeichnung des tatsächlichen Benutzerverhaltens

Wichtige zu erfassende Daten

  • Aufgabenerfüllung (Erfolg/Misserfolg/teilweiser Erfolg)

  • Bearbeitungszeit

  • Anwendungsfehler, Beinahe-Fehler und Bedienschwierigkeiten

  • Subjektive Rückmeldungen der Benutzer (SUS-Skala, NASA-TLX usw.)

  • Video-/Audioaufzeichnungen

  • Interviews nach der Prüfung (Ursachenanalyse der Fehler)


9. Gebrauchstauglichkeitsakte (UEF)

Wichtige aufzubewahrende Dokumente:

  1. Anwendungsspezifikation

  2. Spezifikation der Benutzer-Produkt-Schnittstelle

  3. Analyse bekannter Probleme (vergleichbare Produkte auf dem Markt)

  4. Liste gefährdungsbezogener Anwendungsszenarien

  5. Liste der kritischen Aufgaben

  6. Berichte der formativen Bewertungen

  7. Bericht der summativen Bewertung

  8. Bewertungsplan und Ergebnisse für die Benutzer-Produkt-Schnittstelle

  9. Schulungsunterlagen, Gebrauchsanweisung, Kennzeichnung


10. Unterschiede zwischen FDA und IEC 62366

Aspekt IEC 62366-1 FDA HFE Guidance
Schwerpunkt Sicherheitsrisiken durch Anwendungsfehler Sicherheit und Wirksamkeit kritischer Aufgaben
Analyse bekannter Probleme Nicht verpflichtend Verpflichtend (Analyse vergleichbarer Produkte)
Stichprobengröße summative Prüfung Nicht festgelegt ≥15 Teilnehmende pro Benutzergruppe
Format des Prüfberichts Relativ flexibel Detaillierte Vorlagenanforderungen

In der Praxis empfehlen wir, den FDA-Anforderungen zu folgen – damit sind beide erfüllt.


11. Häufige Herausforderungen und Empfehlungen

  1. Schwierige Rekrutierung: Die Gewinnung professioneller Benutzer (z. B. Chirurgen) braucht Zeit und muss frühzeitig geplant werden

  2. Simulation der Umgebung: reale Anwendungsbedingungen möglichst genau nachbilden (Licht, Lärm, Stress)

  3. Definition von Anwendungsfehlern: Kriterien für „Erfolg“ und „Misserfolg“ müssen klar definiert sein

  4. Ursachenanalyse: nicht nur „Benutzerfehler“ notieren, sondern die Ursachen ergründen (Wissen, Wahrnehmung, Kognition, Handlung)

  5. Designänderungen: Wesentliche Änderungen nach der summativen Bewertung können eine erneute Prüfung erfordern

  6. Gebrauchsanweisung und Schulung: Gebrauchstauglichkeitsprobleme lassen sich nicht über die Gebrauchsanweisung lösen; das Design selbst muss sicher sein

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